Einmal drüber geschlafen denke ich nach wie vor, dass der Artikel auf SpOn gestern nicht in den früheren Qualitätsstandard des Spiegels passt. Inzwischen gibt es auch jede Menge andere Kommentare dazu:
Klima-Lügendetektor, Energynet, Arlesheim Reloaded, Zettels Raum, Citeco, Kaboom, Die Achse des Guten, Clean Thinking, Daburna, Side Effects, Green Renaissance, Flüchtige Notizen, Ruhestörung
Wie schon angedeutet, hat Anselm Waldermann mit geemailt. Hier der Text:
Sehr geehrter Herr Keil,
mit Interesse habe ich Ihre Anmerkungen zum heutigen Artikel auf SPIEGEL ONLINE gelesen (http://sebastiankeil.wordpress.com/2009/02/10/grober-unfug-am-journalismus-und-klimawandel/).
Erlauben Sie mir dazu allerdings eine Klarstellung: Weder ich als Redakteur noch die Redaktion von SPIEGEL ONLINE als Ganze werden von der „Lobby der Energieunternehmen“ bezahlt.
Wie Sie sicherlich bemerkt haben, sind die Hauptquellen meines Artikels die Grünen und die Branche der erneuerbaren Energien selbst. Darüber hinaus zitiere ich einen Sozialdemokraten, der keinen Zweifel daran lässt, wer durch den geltenden Emissionshandel am meisten profitiert: die großen Stromkonzerne. Eben dies wird in dem Artikel deutlich kritisiert.
Daneben muss es allerdings auch erlaubt sein, in Richtung Ökoenergien kritische Fragen zu stellen. Tatsache ist nun einmal, dass durch den Zubau eines Windrades in Deutschland aus den genannten Gründen kein einziges Gramm CO2 eingespart wird. Diesen Zusammenhang gibt, wie berichtet, auch der Bundesverband erneuerbare Energien zu. Dass die Branche sich öffentlich als Klimaschützer feiert, ist damit zumindest fragwürdig.
Zu Recht weisen Sie darauf hin, dass das Hauptproblem nicht das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz ist, sondern der EU-weite Emissionshandel. Eben dies wird aber auch in dem Artikel auf SPIEGEL ONLINE deutlich – und zwar gleich an mehreren Stellen.
Lassen Sie mich abschließend hinzufügen, dass Ökostrom – von der Klimadebatte abgesehen – unbenommen große Vorteile mit sich bringt. Dies gilt für den von der Branche erzielten technologischen Fortschritt ebenso wie für die geschaffenen Arbeitsplätze. Vor allem jedoch macht Ökostrom Deutschland unabhängiger von Energieimporten – ein Argument, das der SPIEGEL-ONLINE-Artikel an prominenter Stelle anführt.
Ich hoffe, ich konnte mit diesen Ausführungen mögliche Irritationen ausräumen und verbleibe
mit freundlichen Grüßen
Anselm Waldermann
Hier ist meine Antwort an ihn:
Sehr geehrter Herr Waldermann,
vielen Dank für Ihre Email. Meine Antwort werde ich bloggen, darf ich im Sinne der Vollständigkeit Ihre Ausführungen ebenfalls publizieren?
1. Sie werden nicht von der Lobby der Energieunternehmen bezahlt, dass ist gut zu wissen.
2. Niemand zweifelt Ihre Quellen an.
3. Niemand hat etwas dagegen, wenn kritische Fragen in Richtung Ökoenergien gestellt werden. Ich störe mich allerdings an den von Ihnen aufgestellten Kausalketten. Zu behaupten, dass durch den Bau von Windrädern kein CO2 eingespart wird ist aus ihrer Sicht vielleicht richtig, aus meiner Sicht jedoch einfach schlechter Journalismus. Sie benutzen ein schwaches, aufmerksamkeitstarkes Argument, um ihre These zu unterstützen.
A. Windräder und Solaranlagen werden nicht gebaut, um günstig CO2 einzusparen, sondern um sauberen, CO2-neutralen, und vor allem nachhaltig ressourcenschonend Strom zu generieren.
B. Auch wenn die CO2-Bilanz von Windrädern und Solaranlagen, wenn man die Produktion etc mit einbezieht nicht gleich „0″ ist, ist sie doch sehr gering. Wenn Sie sagen, hier wird kein CO2 eingespart ist das irreführend – es wird bei der Stromgewinnung gar nicht erst CO2 verursacht!
C. Sie hätten hier einen schönen Artikel über das Für und vor allem das Wider des EEG schreiben können, statt dessen haben Sie sich für die einfache Headline entschieden. Und das löst bei mir Irritationen aus, die Sie mit den von Ihnen geschilderten Punkten nicht ausräumen können.
Mit freundlichen Grüßen
Sebastian Keil



13 Antworten bis hierher ↓
Grober Unfug am Journalismus und Klimawandel « sebastiankeil.de // Februar 11, 2009 um 11:32 |
[...] ← Papa, du machst das nicht richtig Brief an Waldermann [...]
Der Spiegel: Windkraft schlecht? | Cleanthinking.de // Februar 11, 2009 um 11:43 |
[...] Update: Die Forsetzung ist da siehe hier [...]
Lars // Februar 11, 2009 um 12:28 |
Ich habe mich ebenfalls über die sogenannte „Kausalkette“ geärgert (total verdreht!). Habe auch eine Mail an den Autor geschrieben. Ist schon peinlich, dass solche Amateure bei Spiegel Online arbeiten.
daburna // Februar 11, 2009 um 1:36 |
Daumen hoch für Herrn Waldermann! Ich find es immer gut, wenn sich kritisierte Autoren selber zu dem Thema äußern und nicht alles im Raum stehen lassen. Dem gebührt mein Respekt.
Andy // Februar 11, 2009 um 1:47 |
Ich finde es gut, dass der Autor sich selbst dazu äußert. Allerdings kann ich immer noch nicht nachvollziehen, dass mit jedem Wind- oder Solarkraftwerk, ein Kohlekraftwerk mehr CO2 emittieren darf.
Schade ist, dass sich die betroffenen Verbände für erneuerbare Energien sich nicht äußern. Ich hatte den Bundesverband Erneuerbare Energien angeschrieben und hoffe auf eine Antwort.
Sebastian // Februar 11, 2009 um 2:10 |
@Andy: Bitte lass uns wissen, wenn du vom Verband etwas hörst.
@Daburna: Ich habe mich auch sehr darüber gefreut.
energynet » Blog Archiv » Öffentliche Diskussion über erneuerbare Energien ohne deren Interessenvertreter // Februar 11, 2009 um 3:39 |
[...] weiter. Sebastian Keil, der den ersten Kommentar zu dem Artikel geschrieben hat, bekam nun eine Mail von Anselm Waldermann, dem Autor des betreffenden Spiegel-Artikels. Dieser schrieb, dass er keinesfalls von der Lobby der [...]
Helios // Februar 11, 2009 um 11:13 |
Der Soiegel Artikel stellt die Argumentation auf den Kopf. Nicht Wind untergräbt den CO2 Handel sondern der schlecht gemachte CO2 Handel macht ineffiziente Windförderung notwendig.
siehe http://misantro.blogg.de/index.php?cat=Umwelt
Florian // Februar 12, 2009 um 6:53 |
Auch wenn Herr Waldermann nicht von der entsprechenden Lobyy bezahlt wurde, so wird sich gerade diese ob dieses Artikels die Hände reiben. Sie kassiert weiter ab und kann sich eines erneuten Schusses vor den Bug der Erneuerbaren sicher sein.
Andy // Februar 15, 2009 um 10:21 |
Hallo Sebastian,
habe eine Antwort vom Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. erhalten, wird morgen in meinem Blog veröffentlicht.
Wolf von Fabeck // März 7, 2009 um 11:07 |
Andy schrieb:
„Schade ist, dass sich die betroffenen Verbände für erneuerbare Energien sich nicht äußern. “
Das ist nicht ganz richtig. Zumindest der Solarenergie-Förderverein Deutschland hat sich schon am 11.2.09 gerührt.
http://www.sfv.de/artikel/stellungnahme_des_sfv_zu_einem_beitrag_im_spiegel.htm
Wolf von Fabeck
Phil // Oktober 9, 2009 um 2:43 |
Der Waldermann schreibt in schöner Regelmäßigkeit Artikel gegen die regenerativen Energien. Heute neu:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,653993,00.html
Heute z.B. wieder, wo er dann Verbraucherzentralen oder das Fachblatt Photon als Kronzeugen anführt, daß in den nächsten 20 Jahren 27 Milliarden Euro für Strom aus Photovoltaik (Solarzellen) bezahlt werden. Klingt empörend. Die Zahl wird dann mal eben durch alle Bundesbürger geteilt (80 Mio). Unterschlagen wird dabei, daß auch die Industrie anteilig Öko-Strom mitbezahlt.
Und weil die sich ergebende Zahl zu klein ist (337€), auf eine 3-köpfige Familie bezogen: „100o Euro“. Unter den Tisch fällt, daß diese 1000 Euro auf 20 Jahre anfallen und man dafür etwas bekommt: sauber erzeugten Strom.
Entweder wider besseres Wissen und journalistische Grundsorgfalt oder eben doch als Lobbyist der Atommafia – wenn auch vielleicht as unbezahlter Überzeugungstäter.
Gruß Phil
Sebastian // Oktober 9, 2009 um 3:56 |
Hi Phil,
ich hab den Artikel auch gelesen, werde wohl auf der neuen Blogadresse dazu was schreiben, sebastiankeil.de.
Gruß
sebastian